Gespräch mit Gabriele Koll, wachsenlassen Gemeinschaftsgarten & Grüne Bibliothek

Projektleiterin Gabriele Koll im Gartengespräch mit Conny Voester

STELLEN SIE SICH BITTE VOR MIT IHREM NAMEN, IHRER INITIATIVE UND IHRER FUNKTION.

Mein Name ist Gabriele Koll, und ich leite das Projekt wachsenlassen – Gemeinschaftsgarten & Grüne Bibliothek. Unser Träger ist KIDZ e.V., ein Kinder- und Jugendhilfeträger, in direkter Nachbarschaft zur Potsdamer Straße auf dem Gelände der Villa Lützow.

Wir arbeiten eng zusammen mit der Stadtbibliothek Tiergarten Süd, Lützowstraße 27, mit der wir das Kooperationsprojekt BIST: Bewusst Leben und Lesen durchführen. Durch die Neuprofilierung der Stadtbibliothek mit den Schwerpunkten urbanes Gärtnern, nachhaltige Lebensstile, gemeinsam Selbermachen und kreative und interaktive Sprachlernveranstaltungen konnte diese vor der drohenden Schließung vor ca. 4 Jahren bewahrt werden und bleibt somit der Nachbarschaft erhalten. Zu diesen Themenbereichen findet ein kontinuierlicher Medienerwerb statt, ebenso zum Ausbau der Abteilung Kinder- und Jugendliteratur. Wir bieten Garten-Kunst-Handwerk-Workshops für Kinder und Erwachsene an und  haben mit dem Aufbau eines Repair-Cafés begonnen, aktuell mit dem Schwerpunkt Nähen.

Hier im Garten gärtnern wir regelmäßig mit Nachbarn zusammen und mit zwei Kindergartengruppen aus dem Kiez. Wichtig an diesem Garten ist uns die Gemeinschaft, als generationsübergreifende nachbarschaftliche Aktivität. Darüber hinaus verstehen wir uns als ein Umweltbildungsprojekt, der Garten ist ökologisch und naturnah gestaltet mit z.B. einem Insektenhotel, Totholzecken und einer insekten- und vogelfreundlichen Bepflanzung. Wir legen großen Wert darauf, dass der Garten ein Ort für Artenvielfalt von Flora und Fauna bietet, sähen alte, standortgerechte und samenfeste Gemüsesorten aus und gewinnen unser eigenes Saatgut.

WANN HABEN SIE ANGEFANGEN DAMIT?

2010. Seit sieben Jahren sind wir hier mit dem Garten. Das Bibliotheksprojekt kam 2014 hinzu. Das Projekt BOULEVARD POTSDAMER - Eine Straße wird grün gefällt uns deshalb auch, weil es das gleiche Anliegen hat: die Menschen zu sensibilisieren für die Umwelt, und einfach wieder einen grüneren Lebensraum zu schaffen, wo man sich auch entspannen und erholen kann. Ich denke, selbst wenn an der Potsdamer Straße nur ein bisschen was erreicht wird, wäre das schon sehr gut.

WIE WÜRDEN SIE DENN DIE POTSDAMER STRASSE BESCHREIBEN, WIE SIE JETZT IST?

Leider eine sehr laute Durchgangsstraße. Sie ist ja auch Bundesstraße. Morgens, mittags, abends zur rush hour ist nur Stau auf dieser Straße. Ich denke, dass zu viel Verkehr durchgeht, ist zunächst das größte Problem. Um das ein bisschen zu verbessern, könnte man schon die recht breiten Bürgersteige stärker begrünen. Ob es möglich sein wird, weniger Autoverkehr durchzuleiten, weiß ich nicht. Obwohl das schon wünschenswert wäre, für die Anwohner.

IHRE VORSCHLÄGE GEHEN IN DIE RICHTUNG BEGRÜNUNG...

Ja, um die Luftqualität zu verbessern und einfach auch die Atmosphäre dort. Auch bei dieser Begrünung kann man darauf achten, dass sie standortgerecht ist und von Nutzen für Insekten ist.

GIBT ES DA SPEZIELLE KONZEPTE, SPEZIELLE PFLANZEN?

Womit man das machen könnte? Es gibt natürlich Pflanzen, die halten mehr aus als andere. Ein Problem ist auch die Trockenheit, die auch in unseren Breiten immer mehr zunimmt. Wenn jedes Geschäft seine Baumscheibe hätte, die sie pflegen würden ... auch die Pflanzsäcke finde ich nicht schlecht, um die Aufenthaltsqualität zu erhöhen. Das ist immerhin schon ein bisschen grün, etwas fürs Auge, außerdem sensibilisiert das auch.

ICH HABE VERSTANDEN, DASS ES AUCH UM GEMEINSCHAFTLICHE AKTIVITÄTEN GEHT. WAS HEISST DAS IN DEM ZUSAMMENHANG IN DEM SIE TÄTIG SIND.

Mit den Kindern ist es etwas anders als mit der Nachbarschaft. Mit der Nachbarschaft sind wir - im locken Verbund – momentan etwa dreizehn, die gemeinsam gärtnern. Meist Familien mit Kindern unterschiedlichen Alters. Wir gucken, dass wir mindestens einen festen Gartentag in der Woche haben. Wir überlegen, planen und gestalten gemeinsam was angebaut wird.

WER BEZAHLT DAS?

Im Grunde braucht man nicht viel Geld, um gemeinsam zu gärtnern. Wir sind gut vernetzt mit den urbanen Gärten in Berlin. Es gibt mittlerweile auch Tauschmärkte für Pflanzen. Und wir verwenden eigenes Saatgut. Vieles hier ist selber ausgesät. Darum ist es auch so bitter, wenn man etwas wegreißen muss, was sieben Jahre lang gewachsen ist: das war vielleicht eine Staude, die wir selbst ausgesät haben.

Wir kompostieren selbst, dass heißt wir brauchen keine Erde anzukaufen. Aus Paletten haben wir viel gebaut. Und in der Förderung, die wir immer wieder erhalten haben, waren Sachmittel enthalten.

Entscheidend sind Personalkosten. Diese benötigt man einfach für Koordinationsarbeiten, Projektleitung, Akquise Fördermittel, Betreuung Ehrenamt und die gärtnerische Leitung, Anleitung  Ehrenamtlicher und Pädagogen, Gärtnern mit Kindern und Familien, Öffentlichkeitsarbeit und und und. Mit nur ca. zwei halben Stellen ist so ein Gartenprojekt realisierbar.

ALSO AUCH EIN BEISPIEL FÜR NACHHALTIGES WIRTSCHAFTEN...

Auf jeden Fall. Wenn es einmal wächst, und gepflegt wird, ist es da!

WIE GEWINNT MAN LEUTE DAFÜR, SICH ZU ENGAGIEREN?

In Berlin gibt es eine große Nachfrage. Ich glaube, viele Menschen sehnen sich nach Grün, nach Gärten, nach Aufenthaltsmöglichkeiten. Die Familien essen im Sommer hier auch häufig zu Abend und spielen mit ihren Kindern.
Man gewinnt die Menschen so nach und nach. Das ist hier kein einfacher Bezirk - in Kreuzberg würden wir wahrscheinlich überlaufen, hier hat es doch lange gedauert. Die Kindergärten sind von Anfang an dabei. Es ist schön, wenn die Kinder von Anfang an Sachen aussähen, und ernten. Wir essen gemeinsam mit ihnen was wir ernten - Kartoffeln und Kürbis.

Und die Mitgärtner kommen einfach in der Bibliothek vorbei und fragen. Wir haben auch ein Blog, da findet man unseren Emailkontakt. Und man muss dann natürlich rausfinden, ob es untereinander passt, es muss schon ein bisschen stimmen in der Gruppe.

ABER SICH JEDEN ABEND AUF DIE SOCKEN MACHEN UND GIESSEN...

Für Menschen, die sich fürs Gärtnern interessieren, gehört das dazu und die Absprachen laufen sehr gut.

SCHLIESSLICH NOCH: WAS IST DAS FÜR EINE GESCHICHTE MIT DEN BAUMASSNAHMEN...

Ja, das ist ein kompliziertes Kapitel. Aus dem Haus auf dem Gelände sind die Träger im Januar 2016 ausgezogen, um den Umbau zum geplanten Kiez-Zentrum Villa Lützow zu ermöglichen. Die Baumaßnahmen haben viel später angefangen. Unser Problem war letztendlich, dass wir sehr kurzfristig erfahren haben, dass die Baustellenzufahrt genau durch den Garten geht. So mussten wir innerhalb von zweieinhalb Wochen diesen Teil des Gartens räumen ... das ist ein Drittel, das jetzt wegfällt. Der größte Ärger war, dass wir sehr wenig in die Planung einbezogen wurden. Im Bezirk ist das schwierig gelaufen. Die Sache mit der Baustellenzufahrt war der berühmte letzte Tropfen, wo wir uns gedacht haben: "Was sollen wir eigentlich hier noch alles schaffen? Wir pflegen dieses Gelände, wir leisten diesen Beitrag zur Umweltbildung, Workshops, Führungen, und jetzt sollen wir auch noch unentgeltlich alles umbauen?"

Nicht zuletzt geht es auch darum, dass endlich mal zwei halbe Personalstellen für uns eingerichtet werden, um auch in Zukunft besser planen und überhaupt wirtschaften zu können. Die ehrenamtlichen Mitgärtner, die zu uns kommen, und mitgärtnern wollen, sagen: "Ich find das ganz toll, ich gärtner' gern, ich möchte so 'n Ort in der Stadt haben, aber ich hab keine Ahnung." Wir müssen sie also anleiten.

Um eine Zukunft zu haben, benötigen wir eine solide verbindliche finanzielle Zusage zur erfolgreichen Weiterführung des Gemeinschaftsgartens. Mit einer Petition, die online geführt wird, bitten wir den Bezirk Berlin-Mitte darum, sich um Einrichtung dieser Personalstellen zu bemühen, um den Gemeinschaftsgarten als Ort der Umweltbildung und der Gemeinwesenarbeit im Kiez Zentrum Villa Lützow zu erhalten.

VIELEN DANK FÜR DAS GESPRÄCH.

 

wachsenlassen Gemeinschaftsgarten und Grüne Bibliothek finden Sie in der Lützowstraße 28, 10785 Berlin.

Gespräch führte: Conny Voester. Fotos: Holger Rudolph.



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