Gespräch mit Muhammet Mafratoğlu, Eiscafé Vannini

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STELLEN SIE SICH BITTE VOR MIT DEM NAMEN DES GESCHÄFTS UND IHREM NAMEN, IHRER FUNKTION.

Mein Name ist Muhammet Mafratoğlu, Besitzer des Eiscafé Vannini in der Potsdamer Straße 72.

SEIT WANN SIND SIE HIER?

Ich habe das Café im April von einem Kumpel übernommen.

SIE KENNEN DIE POTSDAMER STRASSE ABER SCHON LÄNGER...?

Ich wohne seit 38 Jahren hier. Nicht in diesem Block, zwei Straßen weiter. Ich kenne hier alle.

WIE HAT SICH DIE STRASSE IN DIESER ZEIT VERÄNDERT?

Leider nicht zum Positiven. Mein großes Anliegen ist die Erziehung von Kindern. Was ich in meiner Familie mit acht Kindern kennengelernt habe, sehe ich hier zu selten. Die ganz alten Werte. Beispielweise die Kinder, die hier nachts herumlaufen. Da frage ich mich, was die Eltern machen. Oder wenn ich die Frauen hier sehe, mit ihren kleinen Kindern, die einfach nur ihre Ruhe haben wollen und ihnen das Handy in die Hand drücken. Ich verfolge ja ungewollt meine Kundschaft. Als Verkäufer ist es ja immer von Vorteil, wenn man seine Kundschaft beobachtet, nicht negativ, sondern ob es ihnen schmeckt. Ich sehe die Entwicklung sehr genau.

Jeder weiß, dass der Gebrauch von Handys auch für Erwachsene nicht nur von Vorteil ist. Nichtsdestotrotz sehe ich, dass die Kinder nur mit Handys beruhigt werden. Und das leider überwiegend von Eltern mit Migrationshintergrund.

Die Kriminalität hat sich auf so einem Level gehalten und ist sogar einen halben Schritt zurückgegangen. Aber mich stört, dass dieser Prozess etwas zu lange dauert. Das passt zur Gesellschaft. Daran sind wir, also die Eltern, zum Teil schuld, aber wir haben auch die Politiker, die wir wählen. Von denen kommt auch nicht viel außer Gerede und Leerformeln.

WIE WÜRDEN SIE DIE POTSDAMER STRASSE JEMANDEM BESCHREIBEN, DER SIE NICHT KENNT?

Ich würde sagen es hat einen Teil von Kreuzberg mit so vielen Kulturen auf einem kleinen Fleck, vielleicht sogar noch extremer, weil die Wohnungsbaugesellschaft das fördert. Oder ähnlich wie Wowereit gesagt hat: Sexy, aber arm. Das ist die Potsdamer Straße. Hat ihre schönen Seiten und Ecken, aber die Leute haben kein Geld. Und damit meine ich nicht Hartz-IV-Empfänger, sondern die Leute, die arbeiten – ich kenne meine Leute. Auch die, die arbeiten, haben kaum Geld.

DAS SIND WICHTIGE BEOBACHTUNGEN, DIE ALLGEMEIN GELTEN. HABEN SIE IDEEN DAZU, WIE DIE SITUATION HIER KONKRET VERBESSERT WERDEN KÖNNTE?

Meine Mutter hat gesagt "Junge, mach erstmal dein Zimmer sauber, dann können wir weiterreden". Ich würde sagen: erstmal die Straßen schön sauber machen – die BSR kommt öfter mal später und ich bin der Einzige, der dann schon die Terrasse sauber gemacht hat. Jeden Abend fege ich. Ich hab mich auch schon bei den Nachbarn beschwert, weil der Dreck vom Wind zu mir rüber getragen wird. Aber das ist wichtig, den Leuten so lange auf den Sack zu gehen und sauber zu machen bis sie sich schämen, das Papier auf den Boden zu werfen. Das wäre ein Anfang für die Umwelt. Es ist doch wie bei einer Uhr: wenn ein kleines Rädchen nicht funktioniert, ist die Uhr futsch. Also ganz unten, ganz klein anfangen.

UND WARUM ENGAGIEREN SIE SICH FÜR EINE NACHHALTIGE UND ÖKOLOGISCHE UMWANDLUNG DER POTSDAMER STRASSE?

Ganz einfach: ein Auto ohne Motor ist nur ein Blechteil. Und der Motor unserer Welt ist die Natur. Und wenn es die Natur nicht mehr gibt... Ich meine: diese Klimaveränderungen, das ist ja alles unser Mist. Es ist zwar sehr wahrscheinlich, dass das was wir hier machen, verpufft, aber wenn wir dran bleiben und den Leuten und Politikern auf die Nerven gehen... Ich wünschte mir, dass es einen Effekt gibt und man eventuell mal den einen oder anderen Politiker dazu bewegt, dafür zu stehen und zu arbeiten. Vielleicht kann man sogar einen großen Investor an Bord holen.
Mir ist aufgefallen, dass hier Comicfiguren auf die Wände gemalt werden aber man könnte stattdessen doch mal Bäume als Motiv nehmen. Ich meine, es ist hier zu trist, zu viel Beton. Das stört mich. Deshalb habe ich hier auch so viel grüne Pflanzen. Wo ich geboren bin in der Türkei, das ist ein Dschungel und ich liebe das – grün, grün, grün. Deshalb musste ich gar nicht lange überlegen und hab sofort ja gesagt.

ABGESEHEN VON DER BEPFLANZUNG UND DER SAUBERKEIT: WIE SETZEN SIE NACHHALTIGE IDEEN IN IHREM GESCHÄFT UM?

Ich versuche, mein Klientel ein wenig zu erziehen, dass sie nicht mehr auf den Boden aschen etc. Außerdem hab ich das Eissortiment von Milch weg auf Frucht verlagert. Und ich achte darauf, meine Fruchtsorten gesund zu kaufen, zu waschen und zu schneiden und nicht irgendwelche Pulver zu verwenden. Das ist ein Haufen Arbeit, aber ich hab dann ein besseres Gefühl, wenn ich meinen Kunden sagen kann, dass es sauber und qualitativ hochwertig ist. Die meisten lernen dabei dann auch, was das für eine Frucht ist. Ich will auch noch ein paar Experimente machen.

Und eigentlich wollte ich ja eine eigene Kreation für dieses Projekt machen, aber ich bin nicht dazu gekommen. Die Nächte werden immer länger, normalerweise mache ich so gegen 22 Uhr Schluss, aber der Ramadan bringt es mit sich, dass es immer später wird. Und weil meine Frau schwanger ist, muss ich auch noch etwas mehr machen. Deshalb war keine Zeit. Aber ich finde das Projekt schön und wünsche dem mehr Publicity. Es braucht die Unterstützung von engagierten Politikern und Werbung, viel Werbung!

VIELEN DANK FÜR DAS GESPRÄCH!

 

Das Eiscafé Vannini finden Sie in der Potsdamer Straße 172, 10783 Berlin.

Gespräch führte: Conny Voester. Fotos: Holger Rudolph.



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