GEBIETSGESCHICHTE

Wollten die Berliner und Berlinerinnen in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts – also vor 200 Jahren – einen Ausflug ins Grüne machen, traten sie durch das Potsdamer Tor, einem 1824 von Schinkel errichteten Bau. Umsäumt mit einer Grünanlage entließ es die städtischen BürgerInnen in die Feld- und Wiesenlandschaft, die sich bis zum Dorf Schöneberg (heute ahe des Odeon Kinos) erstreckte.

Kutschen wirbelten den Staub der unasphaltierten Potsdamer Chaussee auf. Die AusflüglerInnen überquerten den Landwehrkanal, erblickten in der Lützow- und Kurfürstenstraße Mühlen. Einige hundert Meter weiter lud der Botanische Garten zum Verweilen ein. Der Gasthof Adler an der Gemarkungsgrenze des damaligen Dorfs Schöneberg war ein beliebter Ort zur Einkehr.

Als Berlin im Zuge der Industrialisierung über seine Stadtmauern hinauswuchs, wich die Idylle der Spaziergänge. Vom Potsdamer Platz, Europas turbulentester Kreuzung, brauste der Durchgangsverkehr durch die Potsdamer Straße nach Süden. Züge dampften in den Anhalter Bahnhof, Schiffe entluden ihre Fracht in der ersten Hafenanlage der Stadt, dem Schöneberger Hafen. Ab 1879 fuhr die Pferdebahn von der Potsdamer Brücke bis zur Hauptstraße, später übernahm die Straßenbahn den Personentransport.

Mehrstöckige Mietshäuser mit Hinterhöfen verdrängten die lockere Bebauung aus Landhäusern und vorstädtischen Villen. Während sich die Potsdamer Straße zu einer der besten Geschäftsstraßen Berlins entwickelte, überwog in den Nebenstraßen das proletarische Milieu. Bürgertum und Angestellte prägten das Straßenleben.

Wer die Straße entlang flanierte, begegnete DichterInnen, FrauenrechtlerInnen, MalerInnen, VerlegerInnen – sprich der Bohème. Handwerker wohnten in den Seitenflügeln der Gründerzeitbauten und arbeiteten in den Fabrikhöfen, der Piano-, Tapeten-, Lampen oder Nähmaschinenfabrik. Sie kauften beim Trödler und Lebensmittelhändler, ärmere AnwohnerInnen versetzten ihre wenige Habe beim Verleiher.

Der Zweite Weltkrieg beendete dieses geschäftige Treiben und hinterließ eine Trümmerlandschaft. Der Mauerbau verwandelte die einstige Flaniermeile in eine Sackgasse mit Attraktivitäten, die nur die Subkultur zu schätzen wusste.

Bereits in den 1960er Jahren wurde das Gebiet zwischen Landwehrkanal und Kleistpark zum Sanierungsgebiet erklärt. Die Wohnanlage Pallasseum ersetzte den 1973 abgerissenen Sportpalast. Ursprüngliche Pläne einer behutsamen Sanierung (Entkernung der Innenhöfe, Aufwertung der Wohnungen mit Innentoilette) wichen der Praxis einer Kahlschlagsanierung. Der Berliner Senat beabsichtigte den radikalen Abriss des gründerzeitlichen Baubestandes. Die dann neu zu errichtenden Häuser sollten frei von sein Nachtlokalen, Bordellen und Asylbewerberheimen. Die Hausbesetzerszene verhinderte diese Pläne.

Der Fall der Mauer und die Bebauung des Potsdamer Platzes galten als Hoffnungsstrahl für Aufwertung und Neubelebung der Straße und ließen neue Entwicklungsperspektiven entstehen. Doch während der Potsdamer Platz und das Sony Center gestaltet von Stararchitekten wie Renzo Piano und Richard Rogers als Teil des neuen urbanen Berlins in die Höhe schossen, waren die ersten 300 Meter hinter dem Landwehrkanal von zunehmendem Leerstand geprägt und der Rest der Straße weiterhin im Dornröschschlaf gefangen.

1999 wurde das gesamte Gebiet der Potsdamer Straße zum Quartiersmanagementgebiet erklärt. Seitdem sind Gelder in soziale, kulturelle und nachbarschaftliche Projekte geflossen. Im Schöneberger Norden (Bezirk Tempelhof-Schöneberg: Kleistpark bis Kurfürstenstraße ) lag der Schwerpunkt auf der Vernetzung der Nachbarschaften, der Schaffung eines stabilen sozialen Biotops. In Tiergarten-Süd (Bezirk Mitte: Kurfürstenstraße bis Landwehrkanal) besann man sich neben diesen Aufgaben auf die künstlerischen Impulse der früheren Jahren.

Quartiersmanagement, Bürgerbeteiligung, Gewerbeinitiativen und soziale Institutionen haben seitdem das Gebiet nach innen und außen erstarken lassen. Vielfalt und tolerantes Nebeneinander aller Menschen, die hier leben und arbeiten, geben der Potsdamer Straße und ihren Seitenarmen ihr besonderes Flair. Während das Publikum des Varietées "Wintergarten" sich in schicke Klamotten wirft, müssen viele AnwohnerInnen jeden Pfennig zweimal umdrehen. Von den etwa 20.000 BewohnerInnen des Gebietes empfängt etwa ein Drittel staatliche Hilfsleistungen. Renommierte Kulturinstitutionen und Medienfirmen arbeiten um die Ecke neben den Damen in der Kurfürstenstraße. Seit 2008 entdecken GaleristInnen das Gebiet für sich neu.

Die Potsdamer Straße bleibt laut und hektisch. Tausende Autos befahren täglich die Nord-Süd-Tangente von Schöneberg zum Potsdamer Platz, stauen sich vor Ampeln um dann weiter zu rauschen. In der Potsdamer Straße spiegelt sich die multikulturelle und kosmopolitische Vielfalt Berlins wie in einem Brennglas.

Über 50 Jahre streckte das angrenzende Gleisdreick seine verwilderte grünen Fühler parallel zur Potsdamer Straße aus. Nun ist es umgestaltet und als urbane Grünfläche der Bevölkerung übergeben. Gleichzeitig entsteht in der Flottwellstraße ein neues innerstädtisches Quartier mit circa 700 Wohnungen für 1.500 neuen BewohnerInnen.

Nach Biedermeier, Kaiserzeit, Weimarer Republik, Roaring Twenties, NS-Zeit, Teilung und missglückter Sanierung ist die Potsdamer Straße wieder einmal dabei, sich neu zu erfinden.